Kurz analysiert
Wissenschaft, Wirtschaft oder die Politik – alle Systeme haben ihre eigenen Prozesse und Abläufe. Es ist unmöglich als Bürger*in diese komplett bis ins Detail zu verstehen. Das muss auch gar nicht sein. Eine allgemeine Ahnung sollte aber jede*r haben. Denn die Systeme beeinflussen den Alltag. In Bezug auf das System Wissenschaft wissen viele nicht, wie es zu Ergebnissen kommt. Das muss sich ändern. Die Wissenschaftskommunikation und das Public Engagement (PE) sind hier in der Pflicht. Wenn Menschen verstehen, warum Wissenschaftler*innen Aussagen revidieren, können sie leichter der Wissenschaft vertrauen. Am besten erreichen PE- und WissKomm-Vertreter*innen die Menschen in einem Dialog. Neben den Bürger*innen sollten auch Journalist*innen und Public Engagement Profis Methoden der Wissenschaft stärker kommunizieren.
System Wissenschaftliche Abläufe sind komplex und nicht allen Bürger*innen bewusst. Für ein langfristiges Vertrauen ist die Kommunikation von Methoden unbedingt notwendig. Wir erläutern warum.
Wie funktioniert eigentlich Wissenschaft? Uns, die in egal welcher Weise damit zu tun haben, stellt sich diese Frage nicht. Genauso wenig beschäftigen sich Bürger*innen ohne wissenschaftlichen Hintergrund mit dem System an sich. Und trotzdem ist es wichtig, dass sie es grundlegend verstehen. Warum?
Ein etwas abstraktes Alltagsbeispiel
Letztes Jahr gab es rund 42,8 Millionen Fahrer*innen1 von Kraftfahrzeugen bei insgesamt 83,2 Millionen Einwohner*innen2 in Deutschland. Abgesehen von den Kindern kann der Großteil der Bevölkerung Autofahren. Die meisten Menschen machen sich keine Gedanken, wie der Motor funktioniert und warum das Auto fährt. Sie fahren es einfach. Doch zwangsläufig wissen sie oberflächlich, wie es fährt. Übertragen wir dieses Beispiel auf die Wissenschaft: Die Öffentlichkeit weiß, dass das System Wissen produziert. Um bei dem Autobeispiel zu bleiben: sie wissen wie man lenkt. Wie man das Auto fährt, also mit welchen Methoden die Wissenschaft arbeitet, wissen sie nicht. Natürlich muss die Öffentlichkeit die Abläufe der Forschung im Detail nicht verstehen. Doch grundlegende Methoden sollte sie kennen. Nur so können sie nachvollziehen, warum Forschende ihre Ergebnisse manchmal revidieren. |
Methoden-Verständnis notwendig
Der Großteil der Bevölkerung vertraut der Wissenschaft. Deren Erkenntnisse sind – oft unterbewusst – die Basis für ihre Entscheidungen und ihr Handeln. Die letzten beiden Jahre waren wissenschaftliche Ergebnisse so präsent wie nie. Täglich berichteten die Medien über Corona. Manchmal revidierten Wissenschaftler*innen Aussagen. Das verunsicherte einen Teil der Menschen. Wenn sie das System Wissenschaft und deren Methoden verstanden hätten, wäre ihre Reaktion sicher anders ausgefallen.
Widerspruch zwischen Erwartung und System
Die Präsenz der Pandemie ist im Gegensatz zum Klimawandel oder zum Biodiversitätsverlust direkt spürbar. Inzwischen kennt fast jede*r jemanden, der die Krankheit hatte. Das beängstigt. Die Menschen erwarten verlässliche Erkenntnisse. Doch die Wissenschaft kann diese nicht immer bieten. Es entspricht nicht ihrer Funktionsweise, weil Wissenschaft falsifizierbar sein muss. Vertreter*innen der Wissenschaftskommunikation und des Public Engagements sollten diese wichtige Komponente des Systems vermitteln. Sonst könnte es sein, dass nach einer revidierten Aussage das Vertrauen schwindet und Menschen eher Falschnachrichten oder sogar Verschwörungserzählungen glauben. Laut Professor Tom Schaberg, ehemaliger Chefarzt des Zentrums für Pneumologie in Rotenburg lassen sich wahrscheinlich mehr als zwei Drittel der bisher 16 Millionen Ungeimpften überzeugen3 (Stand Februar 2022), wenn man sie gezielt aufkläre. Dazu zählt auch die Kommunikation von Methoden.
Co-Kreative Zusammenarbeit
Wie soll die Vermittlung von wissenschaftlichen Methoden funktionieren? Am wirkungsvollsten ist es, wenn Vertreter*innen diese durch Public Engagement aktiv an die Öffentlichkeit bringen. Am besten entwickeln sie die Projekte in einem Co-kreativen Ansatz mit der Zielgruppe. Zum Beispiel mit Populist*innen. Es ist klar, dass das ressourcen- und zeitaufwändig ist. Doch es ist nötig, denn: „Science-related populists assert that academic elites produce knowledge that is useless because it allegedly employs unreliable methods […].“4 Wenn Engagement Projekte sie erreichen, könnten diese zum Umdenken anregen. Denn Verstehen ist die Voraussetzung für Erkenntnis.
Tpyen-gerechte Sprache
Natürlich muss jedes Engagement für die Zielgruppe – oder besser den Typ von Bürger*in passend sein. Zur besseren Adressierung der Zielgruppe eignet sich die Einteilung in Typen nach der Studie „Die andere deutsche Teilung“ von More in Common5. Die Wissenschaftler*innen entwickelten sechs Typen der Gesellschaft. Es gibt zum Beispiel die Wütenden. Sie misstrauen eher als andere Typen. Damit die Vertreter*innen solche Typen erreichen, ist es wichtig deren Sprache zu verwenden. Die Begriffe sollten komplexes reduzieren, aber trotzdem dem wissenschaftlichen System gerecht werden.
Die richtige Wahl von Begriffen
Nicht nur die Öffentlichkeit sollte ein Grundverständnis von Methoden haben, auch Journalist*innen und Public Relations Profis. Dazu ein Beispiel aus einem unserer früheren Artikel: „Forschern an der Uni Tübingen gelang es, Menschen unter Laborbedingungen erfolgreich gegen Malaria zu impfen. Die PR kommuniziert: Durchbruch in der Malariaforschung – Impfstoff gefunden. Dabei ist es eher ein Fortschritt bzw. ein erfolgversprechender erster Schritt. Das heißt es bedeutet nicht, dass in zwei Jahren in Afrika niemand mehr Malaria hat.“ Hätte die PR-Abteilung – neben anderen Faktoren (z. B. dem Hinterfragen, ob die Studie wirklich Nachrichtenwert hat), die Methoden der Wissenschaft beachtet, wäre es zu so einer Aussage nicht gekommen. Wissenschaft ist ein Prozess und diesen sollte man kommunizieren. Statt mit Begriffen wie Durchbruch Clickbaiting zu generieren, wäre es besser das System zu erklären. So verstehen Menschen, warum der aktuelle Stand der Forschung lediglich ein Fortschritt ist. Wenn stattdessen von einem Durchbruch die Rede ist, der gar keiner ist, führt das langfristig zu einem Vertrauensverlust. Hilfreich für eine funktionierende Demokratie ist das nicht.
Kommunikation von Methoden
VORTEILE – Öffentlichkeit versteht System Wissenschaft – Öffentlichkeit kann Nachrichten besser einordnen – erhöht die Glaubwürdigkeit – führt langfristig zu Vertrauen – Journalist*innen werden sensibilisiert, es entstehen weniger Sensationsnachrichten – Journalist*innen kommunizieren Methoden im Idealfall mit UMSETZUNG – Public Engagement Projekt im Co-kreativen Ansatz mit der Zielgruppe planen – verständliche Begriffe benutzen, die wissenschaftlichem System gerecht werden |
Quellen
1 Statistiken zum Thema Autofahrer | Statista
2 Bevölkerungsstand: Amtliche Einwohnerzahl Deutschlands 2022 – Statistisches Bundesamt (destatis.de)
Studien
5 Die 6 Typen der deutschen Gesellschaft (dieandereteilung.de)
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